Was es bedeuten
kann, wenn Menschen schwerhörig werden
Dieser Artikel bezieht sich vornehmlich auf schwerhörige Menschen,
die ihren Hörverlust im Laufe ihres Lebens als Erwachsene erleiden.
Sie lassen sich genauso wenig, wie sogenannte Frühschwerhörige, die
seit ihrer Geburt oder frühester Kindheit hörgeschädigt sind, als
einheitliche Gruppe erfassen.
Je nach, medizinischer Ursache und Erscheinungsform, Eintrittsalter,
Verlauf, persönlichen Voraussetzungen und sozialer Umwelt, sind die
Folgen eines Hörverlustes für die Betroffenen individuell sehr unterschiedlich.
Ein Mensch, der bis ins Erwachsenenalter mit einem gesunden und funktionstüchtigen
Gehör gelebt hat, führt gewöhnlich ein lautsprachlich orientiertes
Leben (im Gegensatz zur Kommunikation über die Gebärdensprache, wie
sie von zumeist Gehörlosen gepflegt wird) und steht auch ständig im
hörenden Kontakt mit seiner Umwelt. Erleidet er nun einen Hörverlust,
so geht ein bedeutender Teil seiner gewohnten Normalität verloren.
Hörsituationen, die er bisher ohne jede Überlegung und selbstverständlich
meistern konnte, werden plötzlich problematisch, oder je nach Ausmaß
der einsetzenden Schwerhörigkeit, sogar zu einem unüberwindlichen
Hindernis.
Anhand von medizinischen Untersuchungen und audiometrischen Messungen
wird das Ausmaß der Schwerhörigkeit graduell bestimmt (leicht,- mittel-
oder hochgradige Schwerhörigkeit) und die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten
ermittelt. Um die Auswirkungen der Hörbeeinträchtigung zu erfassen,
muss der Einzelne jedoch in seinen komplexen Zusammenhängen und mit
seinen individuellen Voraussetzungen betrachtet werden. Welche Möglichkeiten
er zum Ausgleich für das Handikap zur Verfügung hat, hängen z. B.
von seiner gesundheitlichen Verfassung, geistigen Vitalität, weiteren
Handicaps und der sozialen Umwelt ab.
Außerdem ist es notwendig, um das Ausmaß eines Hörverlustes und seiner
Folgen zu erfassen, sich die vielfältigen Funktionen des Gehör in
ihrer Bedeutung vor Augen zu führen.
Was Hören wirklich bedeutet, ist den wenigsten Menschen bewusst. Das
zeigt sich auch daran, dass immer wieder die Meinung vertreten wird,
der Verlust des Sehsinnes, sei erheblich belastender für den Betroffenen,
als der Verlust des Gehörs. Ohne hier das eine gegen das Andere auf
oder abwerten zu wollen, was an sich schon in gewissen Sinne grotesk
ist, soll einmal das Gehör weniger im medizinischen Sinne dargestellt
werden, als in seiner Funktionsvielfalt.
Durch unseren Hörsinn sind wir permanent, Tag und Nacht mit unserer
Umwelt verbunden. Das Gehör beginnt seine Funktion bereits im Mutterleib
und es ist der letzte unserer Sinne, der am Ende des Lebens seine
Funktion einstellt.
Hier nun eine Beschreibung der Gehörfunktionen:
1. Die
Aufmerksamkeitsfunktion:
Der Hörsinn verbindet uns Menschen ununterbrochen mit unserer
akustischen Umwelt. Er empfängt die Geräusche der näheren und weiteren
Umgebung und kann bestimmen woher sie kommen. Dabei werden sämtliche
Richtungen abgedeckt. Das Gehör ist immer aktiv auch Nachts, selbst
im Schlaf bleibt es sozusagen wach. Wir haben nicht die Möglichkeit
es willentlich einzustellen. Taubheit kann nicht simuliert werden.
Damit wir aber von den Umgebungsgeräuschen nicht überflutet werden,
kann unser Gehirn die Höreindrücke filtern und die Konzentration auf
bestimmte Signale konzentrieren. So ist es möglich, sich zum Beispiel
in lauter Umgebung auf ein Gespräch zu konzentrieren, oder seine Aufmerksamkeit
auf ein bestimmtes Geräusch, das eine besondere Bedeutung hat (z.B.
ein Telefonsignal) zu lenken. Die Möglichkeit Geräusche zu filtern
und etwas bestimmtes Herauszuhören ist bei einer Hörschädigung oft
stark beeinträchtigt.
2. Warn- und Alamierungsfunktion:
Wenn unser Gehör Geräusche aufnimmt, die warnenden oder alarmierenden
Charakter haben, wird automatisch, ohne bewusstes Zutun unsere ganze
Aufmerksamkeit auf diese gelenkt. Sie lösen oft instinktive Reaktionen
aus und sind häufig mit Schreckmomenten verbunden. ( z.B. beim Martinshorn
eines Krankenwagens, dem Knall einer Explosion oder auch nur dem Schrillen
einer Fahrradklingel) Das Aufschrecken in solchen Momenten kann den
gesamten Körper in Alarmbereitschaft versetzen und die Kräfte freisetzen,
die z. B. für eine Verteidigung oder Flucht gebraucht werden. Andere
Geräusche mit Signalcharakter wie z. B. das Klingeln des Weckers,
das Knacken eines Schlüssels im Türschloss, der pfeifende Wasserkessel
oder das Klopfen an der Bürotür, lenken unsere Aufmerksamkeit so,
dass wir uns auf Kommendes einstellen, Gefahren abwenden oder unser
Handeln vorausschauend ordnen können. Wenn Alarmsignale erst spät
wahrgenommen werden, oder wenn Geräusche mit Signalcharakter aus dem
Hörfeld verschwinden, führt das bei den Betroffenen oft zu starker
innerer Anspannung, durch die meist unbewusste Angst, die Kontrolle
über die Umgebung zu verlieren. Das häufige späte Wahrnehmen von Signalen,
kann außerdem zu einer erhöhten Schreckhaftigkeit führen. Der Betroffene
erlebt dann z.B., dass plötzlich ohne Vorankündigung der Kollege im
Zimmer steht, oder ein Fahrrad an ihm vorbeifährt.
3.Orientierungsfunktion:
Weil wir zwei Ohren haben können wir den Standort einer Schallquelle
bestimmen und die ungefähre Entfernung ermessen. Das ist möglich,
weil unser Gehirn die kleinsten Zeit- Frequenz- und Lautstärkeunterschiede
erfassen kann, mit denen ein Schallsignal das eine Ohr im Unterschied
zum anderen Ohr erreicht. So weiß jemand mit intaktem Gehör aus welcher
Richtung er angesprochen wird, er hört ob ein Auto sich nähert, auf
gleicher Höhe ist oder sich entfernt. Das Richtungs- und Entfernungshören
ermöglicht uns eine räumliche Orientierung, die vieles in unserer
Umgebung berechenbar macht. Von wo werde ich gerufen, aus welcher
Richtung kommt ein Geräusch, diese Unterscheidung nicht mehr treffen
zu können, kann große Unsicherheit auslösen. Schwerhörige haben im
Dunkeln oft viel größere Orientierungsschwerigkeiten, bis hin zum
unsicheren Gang, als ihre gut hörenden Mitmenschen.
4.Soziale und emotionale Wahrnehmung:
Wie alt ist der Mensch in etwa mit dem ich telefoniere? Ist es ein
Mann oder eine Frau? Klingt seine Stimme sympatisch? Das Hören ermöglicht
nicht nur Sprache zu erfassen und zu anderen Menschen in Kontakt zu
treten, wir können aus einem Tonfall einer Stimmlage und der Betonung
auch auf Gefühle, Befindlichkeiten, Alter und Geschlecht des Sprechenden
schließen. So werden wichtige Informationen über den Gesprächspartner
allein aus dessen Stimme erfasst. Dass wiederum ermöglicht es eine
gefühlsmäßig, angemessene Verbindung zu unsrem Gesprächspartner aufbauen
und entsprechend auf ihn zu reagieren. Wir hören aus einer Stimme
Freude, Zorn, Tadel oder Zärtlichkeit, Trauer oder Wut. Gerade bei
vertrauten Menschen lassen sich so oft kleinste Stimmungsschwankungen
wahrnehmen. Dadurch kann das Gesagte emotional richtig erfasst werden,
z.B. wird Ironie erkannt und der Inhalt richtig eingeschätzt. Für
Schwerhörige kann es problematisch werden eine gesprochene Botschaft
richtig zu erfassen, wenn z.B. die mimik oder die Gestik gänzlich
vom Inhalt. Abweicht. Es kann sein dass der emotionale Hintergrund
einer Botschaft nicht erfasst wird.
5. Kommunikationsfunktion:
Wenn Menschen sich mit sprachlichen Lauten verständigen wollen,
ist das Hören natürlich unerlässlich. Es ist Voraussetzung zum Erwerb
der Lautsprache und zum Erhalt. Nur um Missverständnissen vorzubeugen,
sei darauf hingewiesen, dass auch Gehörlose und mit einer Schwerhörigkeit
geborene Menschen, die Lautsprache mit spezieller Förderung erwerben
können. Ein gelungenes miteinander Reden setzt natürlich sowohl, das
Verstehen der gesprochenen Worte, als auch das Verstanden werden voraus.
Diese Voraussetzung ist bei einer Hörschädigung nicht mehr selbstverständlich.
Der zumeist lückenhafte, evt. verzerrte Höreindruck behindert Gespräche
erheblich und kann immer wieder zu Missverständnissen und unangemessenen
Reaktionen führen. Besonders die Teilnahme an Gruppenerlebnissen,
wo Sprache immer wieder aus den Umgebungsgeräuschen herausgefiltert
werden muss, kann erheblich eingeschränkt sein. Auch der Besuch kultureller
Veranstaltungen ist in der Regel erschwert oder wird auf Grund der
hohen erforderlichen Anstrengung nicht mehr als lohnend erlebt.
Diese letztgenannte Funktionseinschränkung des Gehörs in Verbindung
mit den vorher genannten Unsicherheiten, die durch den Hörverlust
entstehen (können), führt bei Menschen mit Hörhandikap oft zu einem
großen Leidensdruck. Der teilweise Verlust des Hörvermögens, wird
als Verlust bisher selbstverständlicher Fähigkeiten erlebt und kann
die Betroffenen sehr verunsichern. Das Bild, dass sie bisher von sich
selbst hatten, kann nun vielleicht nicht mehr so uneingeschränkt aufrecht
erhalten werden und die Betroffen in eine innere Krise führen.
Der Satz : „Nicht sehen können trennt von den Dingen, nicht hören
können trennt von den Menschen“, versucht diesem Leiden Ausdruck zu
verleihen und macht deutlich, das es vornehmlich das Gefühl von Einsamkeit
und Ausgeschlossensein ist, unter dem Hörgeschädigte als Folge ihres
Handikaps am häufigsten leiden.
Sicherlich unterstützt die heutige Hörgerätetechnik Schwerhörige in
ihrem Alltag in großem Maße. Leider versuchen die Betroffenen ihr
Handikap oft so lange wie irgend möglich zu ignorieren. Die sogenannte
Hörentwöhnung erschwert dann die Hörsystemanpassung sehr. Gerade ältere
und alte Menschen benötigen bei der Hörgeräteanpassung zusätzliche
Hilfsangebote, wie AudiotherapeutInnen
sie bieten. Den neuen Höreindruck mit den Hörgeräten auch zu verarbeiten,
muss geduldig und am Besten unter Anleitung gelernt und geübt werden.
Diese zusätzlichen Maßnahmen werden aber bislang von keinem Kostenträger
übernommen. Schon die Kostenübernahme der Krankenkasse bei einer Hörgeräteanpassung
deckt in der Regel nur eine sehr einfache Grundversorgung, die technische
Möglichkeiten, wie die Unterdrückung von Störgeräuschen und das Hervorheben
der Sprache nicht umfassen. Auch für zusätzliche Hilfsmittel, wie
z. B, Signallichtanlagen und spezielle Telefone fehlt meistens ein
Kostenträger.
Um so wichtiger ist die Aufklärung über Schwerhörigkeit und ihre Bedeutung
für die betroffenen Menschen, und die Beratung der Mitbetroffenen,(Partner,
Familienangehörige, Freunde, Pfleger) die Hörgeschädigte im Alltag
durch bestimmte Verhaltensweisen entlasten und sehr unterstützen können.