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Audiotherapeutischer Ratgeber in der Region Göttingen

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Was es bedeuten kann, wenn Menschen schwerhörig werden
Dieser Artikel bezieht sich vornehmlich auf schwerhörige Menschen, die ihren Hörverlust im Laufe ihres Lebens als Erwachsene erleiden. Sie lassen sich genauso wenig, wie sogenannte Frühschwerhörige, die seit ihrer Geburt oder frühester Kindheit hörgeschädigt sind, als einheitliche Gruppe erfassen.
Je nach, medizinischer Ursache und Erscheinungsform, Eintrittsalter, Verlauf, persönlichen Voraussetzungen und sozialer Umwelt, sind die Folgen eines Hörverlustes für die Betroffenen individuell sehr unterschiedlich.
Ein Mensch, der bis ins Erwachsenenalter mit einem gesunden und funktionstüchtigen Gehör gelebt hat, führt gewöhnlich ein lautsprachlich orientiertes Leben (im Gegensatz zur Kommunikation über die Gebärdensprache, wie sie von zumeist Gehörlosen gepflegt wird) und steht auch ständig im hörenden Kontakt mit seiner Umwelt. Erleidet er nun einen Hörverlust, so geht ein bedeutender Teil seiner gewohnten Normalität verloren. Hörsituationen, die er bisher ohne jede Überlegung und selbstverständlich meistern konnte, werden plötzlich problematisch, oder je nach Ausmaß der einsetzenden Schwerhörigkeit, sogar zu einem unüberwindlichen Hindernis.
Anhand von medizinischen Untersuchungen und audiometrischen Messungen wird das Ausmaß der Schwerhörigkeit graduell bestimmt (leicht,- mittel- oder hochgradige Schwerhörigkeit) und die Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten ermittelt. Um die Auswirkungen der Hörbeeinträchtigung zu erfassen, muss der Einzelne jedoch in seinen komplexen Zusammenhängen und mit seinen individuellen Voraussetzungen betrachtet werden. Welche Möglichkeiten er zum Ausgleich für das Handikap zur Verfügung hat, hängen z. B. von seiner gesundheitlichen Verfassung, geistigen Vitalität, weiteren Handicaps und der sozialen Umwelt ab.
Außerdem ist es notwendig, um das Ausmaß eines Hörverlustes und seiner Folgen zu erfassen, sich die vielfältigen Funktionen des Gehör in ihrer Bedeutung vor Augen zu führen.
Was Hören wirklich bedeutet, ist den wenigsten Menschen bewusst. Das zeigt sich auch daran, dass immer wieder die Meinung vertreten wird, der Verlust des Sehsinnes, sei erheblich belastender für den Betroffenen, als der Verlust des Gehörs. Ohne hier das eine gegen das Andere auf oder abwerten zu wollen, was an sich schon in gewissen Sinne grotesk ist, soll einmal das Gehör weniger im medizinischen Sinne dargestellt werden, als in seiner Funktionsvielfalt.
Durch unseren Hörsinn sind wir permanent, Tag und Nacht mit unserer Umwelt verbunden. Das Gehör beginnt seine Funktion bereits im Mutterleib und es ist der letzte unserer Sinne, der am Ende des Lebens seine Funktion einstellt.
Hier nun eine Beschreibung der Gehörfunktionen:

1. Die Aufmerksamkeitsfunktion:
Der Hörsinn verbindet uns Menschen ununterbrochen mit unserer akustischen Umwelt. Er empfängt die Geräusche der näheren und weiteren Umgebung und kann bestimmen woher sie kommen. Dabei werden sämtliche Richtungen abgedeckt. Das Gehör ist immer aktiv auch Nachts, selbst im Schlaf bleibt es sozusagen wach. Wir haben nicht die Möglichkeit es willentlich einzustellen. Taubheit kann nicht simuliert werden. Damit wir aber von den Umgebungsgeräuschen nicht überflutet werden, kann unser Gehirn die Höreindrücke filtern und die Konzentration auf bestimmte Signale konzentrieren. So ist es möglich, sich zum Beispiel in lauter Umgebung auf ein Gespräch zu konzentrieren, oder seine Aufmerksamkeit auf ein bestimmtes Geräusch, das eine besondere Bedeutung hat (z.B. ein Telefonsignal) zu lenken. Die Möglichkeit Geräusche zu filtern und etwas bestimmtes Herauszuhören ist bei einer Hörschädigung oft stark beeinträchtigt.

2. Warn- und Alamierungsfunktion:
Wenn unser Gehör Geräusche aufnimmt, die warnenden oder alarmierenden Charakter haben, wird automatisch, ohne bewusstes Zutun unsere ganze Aufmerksamkeit auf diese gelenkt. Sie lösen oft instinktive Reaktionen aus und sind häufig mit Schreckmomenten verbunden. ( z.B. beim Martinshorn eines Krankenwagens, dem Knall einer Explosion oder auch nur dem Schrillen einer Fahrradklingel) Das Aufschrecken in solchen Momenten kann den gesamten Körper in Alarmbereitschaft versetzen und die Kräfte freisetzen, die z. B. für eine Verteidigung oder Flucht gebraucht werden. Andere Geräusche mit Signalcharakter wie z. B. das Klingeln des Weckers, das Knacken eines Schlüssels im Türschloss, der pfeifende Wasserkessel oder das Klopfen an der Bürotür, lenken unsere Aufmerksamkeit so, dass wir uns auf Kommendes einstellen, Gefahren abwenden oder unser Handeln vorausschauend ordnen können. Wenn Alarmsignale erst spät wahrgenommen werden, oder wenn Geräusche mit Signalcharakter aus dem Hörfeld verschwinden, führt das bei den Betroffenen oft zu starker innerer Anspannung, durch die meist unbewusste Angst, die Kontrolle über die Umgebung zu verlieren. Das häufige späte Wahrnehmen von Signalen, kann außerdem zu einer erhöhten Schreckhaftigkeit führen. Der Betroffene erlebt dann z.B., dass plötzlich ohne Vorankündigung der Kollege im Zimmer steht, oder ein Fahrrad an ihm vorbeifährt.

3.Orientierungsfunktion:
Weil wir zwei Ohren haben können wir den Standort einer Schallquelle bestimmen und die ungefähre Entfernung ermessen. Das ist möglich, weil unser Gehirn die kleinsten Zeit- Frequenz- und Lautstärkeunterschiede erfassen kann, mit denen ein Schallsignal das eine Ohr im Unterschied zum anderen Ohr erreicht. So weiß jemand mit intaktem Gehör aus welcher Richtung er angesprochen wird, er hört ob ein Auto sich nähert, auf gleicher Höhe ist oder sich entfernt. Das Richtungs- und Entfernungshören ermöglicht uns eine räumliche Orientierung, die vieles in unserer Umgebung berechenbar macht. Von wo werde ich gerufen, aus welcher Richtung kommt ein Geräusch, diese Unterscheidung nicht mehr treffen zu können, kann große Unsicherheit auslösen. Schwerhörige haben im Dunkeln oft viel größere Orientierungsschwerigkeiten, bis hin zum unsicheren Gang, als ihre gut hörenden Mitmenschen.

4.Soziale und emotionale Wahrnehmung:
Wie alt ist der Mensch in etwa mit dem ich telefoniere? Ist es ein Mann oder eine Frau? Klingt seine Stimme sympatisch? Das Hören ermöglicht nicht nur Sprache zu erfassen und zu anderen Menschen in Kontakt zu treten, wir können aus einem Tonfall einer Stimmlage und der Betonung auch auf Gefühle, Befindlichkeiten, Alter und Geschlecht des Sprechenden schließen. So werden wichtige Informationen über den Gesprächspartner allein aus dessen Stimme erfasst. Dass wiederum ermöglicht es eine gefühlsmäßig, angemessene Verbindung zu unsrem Gesprächspartner aufbauen und entsprechend auf ihn zu reagieren. Wir hören aus einer Stimme Freude, Zorn, Tadel oder Zärtlichkeit, Trauer oder Wut. Gerade bei vertrauten Menschen lassen sich so oft kleinste Stimmungsschwankungen wahrnehmen. Dadurch kann das Gesagte emotional richtig erfasst werden, z.B. wird Ironie erkannt und der Inhalt richtig eingeschätzt. Für Schwerhörige kann es problematisch werden eine gesprochene Botschaft richtig zu erfassen, wenn z.B. die mimik oder die Gestik gänzlich vom Inhalt. Abweicht. Es kann sein dass der emotionale Hintergrund einer Botschaft nicht erfasst wird.

5. Kommunikationsfunktion:
Wenn Menschen sich mit sprachlichen Lauten verständigen wollen, ist das Hören natürlich unerlässlich. Es ist Voraussetzung zum Erwerb der Lautsprache und zum Erhalt. Nur um Missverständnissen vorzubeugen, sei darauf hingewiesen, dass auch Gehörlose und mit einer Schwerhörigkeit geborene Menschen, die Lautsprache mit spezieller Förderung erwerben können. Ein gelungenes miteinander Reden setzt natürlich sowohl, das Verstehen der gesprochenen Worte, als auch das Verstanden werden voraus. Diese Voraussetzung ist bei einer Hörschädigung nicht mehr selbstverständlich. Der zumeist lückenhafte, evt. verzerrte Höreindruck behindert Gespräche erheblich und kann immer wieder zu Missverständnissen und unangemessenen Reaktionen führen. Besonders die Teilnahme an Gruppenerlebnissen, wo Sprache immer wieder aus den Umgebungsgeräuschen herausgefiltert werden muss, kann erheblich eingeschränkt sein. Auch der Besuch kultureller Veranstaltungen ist in der Regel erschwert oder wird auf Grund der hohen erforderlichen Anstrengung nicht mehr als lohnend erlebt.

Diese letztgenannte Funktionseinschränkung des Gehörs in Verbindung mit den vorher genannten Unsicherheiten, die durch den Hörverlust entstehen (können), führt bei Menschen mit Hörhandikap oft zu einem großen Leidensdruck. Der teilweise Verlust des Hörvermögens, wird als Verlust bisher selbstverständlicher Fähigkeiten erlebt und kann die Betroffenen sehr verunsichern. Das Bild, dass sie bisher von sich selbst hatten, kann nun vielleicht nicht mehr so uneingeschränkt aufrecht erhalten werden und die Betroffen in eine innere Krise führen.
Der Satz : „Nicht sehen können trennt von den Dingen, nicht hören können trennt von den Menschen“, versucht diesem Leiden Ausdruck zu verleihen und macht deutlich, das es vornehmlich das Gefühl von Einsamkeit und Ausgeschlossensein ist, unter dem Hörgeschädigte als Folge ihres Handikaps am häufigsten leiden.
Sicherlich unterstützt die heutige Hörgerätetechnik Schwerhörige in ihrem Alltag in großem Maße. Leider versuchen die Betroffenen ihr Handikap oft so lange wie irgend möglich zu ignorieren. Die sogenannte Hörentwöhnung erschwert dann die Hörsystemanpassung sehr. Gerade ältere und alte Menschen benötigen bei der Hörgeräteanpassung zusätzliche Hilfsangebote, wie AudiotherapeutInnen sie bieten. Den neuen Höreindruck mit den Hörgeräten auch zu verarbeiten, muss geduldig und am Besten unter Anleitung gelernt und geübt werden. Diese zusätzlichen Maßnahmen werden aber bislang von keinem Kostenträger übernommen. Schon die Kostenübernahme der Krankenkasse bei einer Hörgeräteanpassung deckt in der Regel nur eine sehr einfache Grundversorgung, die technische Möglichkeiten, wie die Unterdrückung von Störgeräuschen und das Hervorheben der Sprache nicht umfassen. Auch für zusätzliche Hilfsmittel, wie z. B, Signallichtanlagen und spezielle Telefone fehlt meistens ein Kostenträger.
Um so wichtiger ist die Aufklärung über Schwerhörigkeit und ihre Bedeutung für die betroffenen Menschen, und die Beratung der Mitbetroffenen,(Partner, Familienangehörige, Freunde, Pfleger) die Hörgeschädigte im Alltag durch bestimmte Verhaltensweisen entlasten und sehr unterstützen können.